Schattenmond

Schattenmond

Paranormaler Liebesroman mit Krimianteil (18+),

Länge: ca. 200 Seiten

Man hat mich vieles genannt.

Außenseiter. Jäger. Bastard.

Doch meine wahre Natur ist eine andere.

 

Mich rufen sie, wenn ihnen keine andere Möglichkeit mehr bleibt.

Doch meine Hilfe hat ihren Preis.

Die Spur der verschwundenen Kinder führt nach New York.

Im Herzen dieses Molochs verbirgt sich ein gefährlicher Mann.

Er hat die Kinder entführt, die ich aufspüren soll.

Ich werde sein Richter und sein Henker sein.

Seine Tochter ist alles, was ich verachte.

Reich und verwöhnt.

Doch in ihrem Herzen entdecke ich etwas, das ich nicht erwartet hätte.

Mitgefühl.

Vielleicht sogar Liebe.

Ich spüre tief in mir, ich muss mich in Acht nehmen.

Sonst werde ich derjenige sein, der diesmal den Preis bezahlt.

 

 

In Jenny Fosters paranormalem Liebesroman erwartet sie eine mitreißende Geschichte, in der sich alles um eine unerwartet leidenschaftliche Liebe dreht. Spannungsreich, sinnlich und packend – das ist „Schattenmond“.

“Ich hab jetzt noch Herzklopfen…”

 

"Herzflattern und Aufregung pur!"

 

"…wieder ein Highlight."

 

"Ich konnte erst aufhören als die Geschichte zu Ende war. Mir gefiel die gut ausgewogene Mischung aus Spannung, Romantik, Erotik und Fantasy."

 

"…hab bis zum Schluss mitgefiebert."

 

"Der Wahnsinn des schnelleren Lesens hat mich gepackt und bis zum letzten Wort nicht losgelassen!"

 

"Der Spannungspegel nahm nicht einen Moment ab!"

 

"...in einer Nacht durchgelesen. Ich konnte den Kindle - bei dieser tollen Story - wieder Mal nicht vor dem Ende zur Seite legen."

 

"Spannend bist zum Schluss."

 

„…ich muss sagen, dass es förmlich nach einer Fortsetzung schreit.“

 

“Ich muss sagen WOW.”

 

Amazon Bewerter

Leseprobe:

 

Einen Vater zu haben, der reicher als Krösus ist, konnte verdammt anstrengend sein. Bei anderen Gelegenheiten, so wie heute Abend, zahlte es sich für Hope aus, die Tochter des New Yorker Multimilliardärs Harold Vandermere zu sein.

Alles war perfekt.

Sie musste nichts weiter tun, als an Juliens Arm von einem Grüppchen zum nächsten zu schlendern, sich für die Anwesenheit der Gäste und vor allem für ihre Spendenbereitschaft zu bedanken. Alles, was es brauchte, waren ein paar freundliche Worte, die zu äußern Hope ausnahmsweise einmal nicht schwerfiel. Jeder Cent, den die Menschen spendeten, kam dem Asyl für Straßenkinder zugute, in dem sie einen Großteil ihrer Freizeit verbrachte.

Julien übernahm den größten Teil des Redens, was ihr ganz recht war. Anders als er hatte sie keine Begabung dafür, den Menschen das zu sagen, was sie hören wollten und dabei auch noch glaubwürdig zu klingen. Vielleicht lag es daran, dass sie als Fotografin ihre Umgebung öfter durch die Kameralinse betrachtete. Selbst wenn sie einem anderen Menschen von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand, erforschte sie das Gesicht ihres Gesprächspartners fast automatisch nach dem idealen Blickwinkel und der richtigen Beleuchtung, die seinen Charakter am besten zur Geltung brachten.

Sie sah aus den Augenwinkeln zu Julien, der gerade eine sichtlich nervöse und mit Klunkern behängte Frau in den Genuss seines Charmes kommen ließ. Das war Mrs. Carruthers. Die auffällig gekleidete Frau war vierfache Witwe und buhlte ständig um Juliens Aufmerksamkeit, zog es aber vor, Hope zu ignorieren. Selbst jetzt, da sie von einem jungen Mann begleitet wurde, der schätzungsweise 15 Jahre jünger als sie selbst war, lauschte sie Juliens Worten mit einer Andacht, die Hope unangenehm berührte. Wo war Mrs. Carruthers Begleiter eigentlich geblieben? Suchend sah sie sich um, konnte ihn aber nirgendwo entdecken. Es war nicht so, dass sie eifersüchtig war. Hope wusste, sie konnte sich auf Julien zu einhundert Prozent verlassen. Aber etwas an der Weise, wie Mrs. Carruthers den Kopf neigte, gefiel ihr nicht. Die mädchenhafte Geste hätte zu einem Teenager gepasst, aber für eine erwachsene Frau war sie unangemessen.

Mrs. Carruthers lachte über etwas, das Julien gesagt hatte und Hope konnte nicht umhin, ihre glänzenden Augen und die leicht geröteten Wangen zu bemerken. Aber so war es nun einmal, wenn man mit einem Mann zusammen war, der nicht nur gutaussehend und überaus charismatisch war, sondern auch noch ein weiches Herz hatte. Zum einen wäre er niemals unhöflich zu einer Frau gewesen, zum anderen war das Ziel dieses Abends, so viele Spendengelder wie irgend möglich zu sammeln. Im Asyl arbeiteten nicht nur Freiwillige wie Julien und sie, sondern auch Therapeuten, Sozialarbeiter und eine Büroangestellte und sie alle mussten für die hervorragende Arbeit, die sie leisteten, bezahlt werden. Ohne ihre Eltern, die ihr Penthouse für die Party zur Verfügung gestellt hatten und auch das Buffet bezahlten und Julien, würde sie wahrscheinlich nicht einmal die Hälfte der Summe zusammenbekommen, die sie brauchten. Hope beobachtete, wie Mrs. Carruthers begeistert nickte. Juliens »Kids«, wie er sie liebevoll nannte, konnten vom Gegenwert eines einzigen Rings an Mrs. Carruthers’ Finger eine Woche lang in Saus und Braus leben, dachte Hope und trat unruhig von einem Fuß auf den anderen.

Seine ehrenamtliche Arbeit im Asyl der Straßenkinder war etwas, das sie zutiefst bewunderte und das ihr früher ein bisschen Angst eingejagt hatte. Ein bisschen war gut! Ehrlich gesagt, hatte sie eine höllische Angst vor der ersten Begegnung mit einem der Kids gehabt. Bis zu dem Zeitpunkt, als er sie das erste Mal mitgenommen und sie das Elend der Kinder mit eigenen Augen gesehen hatte. Zuerst hatte sie nicht begriffen, warum er nicht einfach Geld spendete. Das kannte sie von ihren Eltern, die es sich leisten konnten, großzügig zu sein. Aber als sie gesehen hatte, wie knapp nicht nur die Mittel waren, sondern dass die wenigen Freiwilligen und Festangestellten überarbeitet waren, hatte sie verstanden, dass selbst sie helfen konnte. Es hatte eine Weile gedauert, bis sie den richtigen Tonfall im Umgang mit den oft traumatisierten Kindern fand und es war nicht immer einfach. Aber heute konnte sie sich ein Leben ohne ihre Arbeit im Asyl einfach nicht mehr vorstellen. Julien unterstützte sie nach Kräften und beschwerte sich nie, wenn sich ihre Termine nicht vereinbaren ließen. Das kam häufiger vor, als Hope lieb war, aber Julien war nun einmal ein viel beschäftigter Mann.

Seine Hand, die besitzergreifend auf ihrer Hüfte lag, drückte sie kurz. Das war das Zeichen, dass er die Unterhaltung mit der wie ein Weihnachtsbaum geschmückten Endvierzigerin beenden wollte. Hope hob den Blick vom Boden und schenkte der Frau ein angestrengtes Lächeln. Julien beugte sich über die ausgestreckte Hand von Mrs. Carruthers und deutete einen Handkuss an. Ihr Herz schmolz, als Hope diese altmodische Geste beobachtete, die die ältere Frau erzittern ließ. Diese ausgeprägte Höflichkeit und seine wunderbaren Umgangsformen hoben ihn aus der Masse der Männer, die sie kannte, heraus.

»Ist alles in Ordnung, Liebes?« Seine dunkelbraunen Augen, die einen erstaunlichen Kontrast zu seinen hellen Haaren bildeten und sie immer wieder in den Bann schlugen, musterten sie aufmerksam.

»Nein«, flüsterte Hope und schenkte ihm ein schräges Lächeln. Sie schmiegte sich enger an ihn und genoss den Moment der Zweisamkeit inmitten des Durcheinanders aus Lärm, Gerüchen und Menschen. So schön wie der Ausblick über die Skyline von Downtown Manhattan auch war, so laut war es an einem Samstagabend auf der Dachterrasse im dreigeschossigen Penthouse ihrer Eltern. Hope kam es so vor, als würden die New Yorker Cabbies heute besonders oft hupen und der würzig-scharfe Geruch des thailändischen Buffets vermischte sich in ihrer Nase mit den Abgasen auf eine Weise, die ein flaues Gefühl in ihrem Magen hervorrief.

»Was bedrückt meine kleine Schönheit denn?« Seine Stimme klang belustigt, als wüsste er genau, was Hope dachte.

»Ich fühle mich fehl am Platze, das ist alles«, gab Hope zurück. Ihr Blick glitt über die Leute, die mit Tellern in der einen und Gabel in der anderen Hand über die Marmorfliesen schlenderten. »Manchmal komme ich mir wie ein Fremdkörper vor zwischen all den gut gelaunten, reichen Menschen«, setzte sie nach und gab sich Mühe, nicht wie eine quengelnde Zehnjährige zu klingen, die an ihrem Geburtstag von einem anderen Mädchen aus dem Zentrum der Aufmerksamkeit vertrieben wurde. »Ich weiß, ich habe keinen Grund, mich zu beklagen. Aber in Momenten wie diesem möchte ich nur allein sein. Mit dir natürlich.« Ihre Stimme verlor sich.

Julien sah ihr tief in die Augen. War dieser Blick ein Versprechen, den Rest der Nacht mit ihr zu verbringen, wenn die Gäste sich verabschiedet hatten? Wohl kaum, gestand sich Hope mit einem lautlosen Seufzen ein. Bestimmt musste Julien früh ins Bett, um morgen fit und ausgeschlafen seinen Pflichten nachzukommen. Als Leiter der Forschungsabteilung im Unternehmen ihres Vaters war er immer im Dienst – so fühlte es sich zumindest für Hope an. So war das nun einmal, überlegte sie zum wiederholten Mal an diesem Abend. Wenn sich ein Mann wie Julien Cunningham für sie entschieden hatte, dann musste sie Kompromisse eingehen. Er gehörte ihr, aber zu einem kleinen Teil auch den Kranken, seinen Kids und seinen Forschungen.

Und war es nicht so, dass es tausendmal besser, tausendmal lohnender war, ihr Leben mit ihm zu teilen als mit einem gewöhnlichen Mann?

Julien war ein leidenschaftlicher Forscher, der all seine Fähigkeiten und seine gesamte Kraft in seine Arbeit steckte, um bezahlbare Medikamente für alle zu finden. Im Augenblick arbeitete er daran, ein neues Krebsmedikament zu entwickeln.

Ihr Vater und ihre Mutter, die dort drüben am Büffet standen und entspannt mit einem jungen Pärchen plauderten, sahen zu ihr und Julien herüber. Ihre Eltern waren immer noch ein gut aussehendes Paar, dachte Hope und fragte sich, wie die beiden wohl auf einen Außenstehenden wirken mochten.

Das Haar ihres Vaters war voll und fiel ihm ihn dunklen Wellen ins Gesicht und die grauen Schläfen verliehen ihm etwas Distinguiertes, ohne ihn alt zu machen. Ihre Mutter hatte die zeitlose Schönheit einer Leinwandgöttin aus den 40er Jahren, auch wenn sie in letzter Zeit sehr schlank geworden war. Wo ihr Vater einen vitalen Charme versprühte, stach ihre Mutter durch eine erschöpfte Eleganz hervor.

»Ich wünschte, ich könnte diesen Abend mit dir allein verbringen«, sagte Julien jetzt leise, damit ihn niemand außer ihr hörte. »Aber denk nur daran, was wir heute Abend erreicht haben. Mrs. Carruthers hat mir einen größeren Betrag in Aussicht gestellt. Wie findest du das?« Er lächelte. Für seine Verhältnisse war dies ein Ausdruck geradezu überschäumender Freude. Julien Cunningham war nicht der Typ, der Emotionen wie Liebe oder Glück zur Schau stellte. Hope hatte gelernt, seine Zufriedenheit im Heben der Mundwinkel zu erkennen. Und wenn ihm etwas missfiel, genügte meistens ein leichtes Zusammenziehen der Brauen, um seinen Unmut auszudrücken.

»Das ist wunderbar«, erwiderte sie und errötete bei der Erinnerung an ihre unfreundlichen Gedanken über die ältere Frau. »Wir können endlich die Zeichenblöcke und Stifte kaufen. Und Schlafsäcke, wir brauchen dringend mehr Schlafsäcke für die Kinder.«

»Immer langsam«, sagte Julien und küsste sie auf die Stirn, obwohl Hope ihm ihren Mund entgegenhob. »Zuerst kommen die wirklich wichtigen Anschaffungen an die Reihe. Übrigens«, er schaute auf sie herab, »hat Mrs. Carruthers Interesse an einer ehrenamtlichen Mitarbeit bekundet. Ich habe ihr gesagt, sie soll dich anrufen oder vorbeischauen, wenn du das nächste Mal dort bist. Am Montag ist das, wenn ich mich richtig erinnere.« Es war eine Feststellung, keine Frage. Sein präzises Erinnerungsvermögen ließ Julien nie im Stich.

»Mrs. Carruthers will mit den Kindern arbeiten?« Hope konnte nicht verhindern, dass sie ungläubig klang. »Vielleicht sollte sie lieber mit Caroline sprechen. Erstens kann sie als Leiterin viel mehr über das Asyl erzählen als ich und zweitens habe ich nicht zu entscheiden, ob Mrs. Carruthers dort mitarbeiten darf oder nicht.« Hope erinnerte sich noch genau an die vielen Fragen, die sie hatte beantworten müssen und an die anschließenden Lehrgänge, bevor man sie auch nur in die Nähe der Kinder gelassen hatte. »Wo ist Caroline überhaupt?« Sie schaute sich um.

»Sie ist vor einer Viertelstunde gegangen«, gab Julien zurück. »Sie hat wohl versucht, dich zu finden, aber du warst nirgendwo aufzutreiben.«

Mit ein wenig Neid dachte Hope an Caroline, die vermutlich bald in ihrem Büro sitzen und arbeiten würde. Sie hätte mit Freuden getauscht, selbst wenn das bedeutete, dass sie den langweiligen Papierkram erledigte, der jedes Mal anfiel, wenn sie mit den offiziellen Behörden zusammenarbeiteten.

»Ich glaube, deine Eltern sind sehr stolz auf dich«, bemerkte Julien. Dieser Themenwechsel kam für Hope wie aus dem Nichts und sie starrte ihn überrascht an.

»Das kann schon sein«, gab Hope zu. »Aber …«

»Pst«, sagte Julien und legte ihr seinen Zeigefinger auf die Lippen. »Ich verspreche dir, wir werden später noch einen Moment für uns haben. Nur wir zwei. Du und ich.« Hope spürte, wie sich ihre Lippen unter seiner Berührung zu einem ehrlichen Lächeln verzogen, als er den Kopf neigte und sie ansah. »Ich habe da noch ein besonderes Geschenk für dich.« Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn auf den Mund, während sie sich eng an ihn schmiegte. Sie fühlte sein gestärktes Hemd durch den dünnen Stoff ihres Kleides an ihren Brüsten und wollte ihm die Arme um den Hals schlingen, als er ein leise tadelndes »Tsk« von sich gab. Hope wurde sich ihrer Umgebung wieder bewusst und seufzte noch einmal, diesmal laut genug, dass er es hörte. Aber er hatte ja recht, dies waren nicht die Zeit und der Ort, um ihre Zuneigung zur Schau zu stellen.

»Wir wollen ja nicht, dass Mrs. Carruthers eifersüchtig wird«, sagte sie und warf einen Blick zu der Frau, die durch die makellos sauberen Glasscheiben auf das bunte Treiben der Fifth Avenue herunterschaute. Am liebsten hätte sie sich auf die Zunge gebissen, aber es war zu spät, diese schnippische Bemerkung zurückzunehmen. Hope sah jetzt auch den jungen Mann, mit dem sie erschienen war. Auf schwer zu fassende Weise verstörte sie die Art, wie er dastand und den Kopf zu seiner Begleiterin neigte. Hope blinzelte und versuchte, in der Dämmerung sein Gesicht zu erkennen, aber alles, was sie sah, war ein schlanker Umriss, dessen Bewegungslosigkeit neben den zappeligen Bewegungen der älteren Frau umso mehr ins Auge fiel.

Sie riss ihren Blick von dem Mann los und bemerkte, dass Julien sie auffordernd anschaute. »Entschuldige, was hast du gesagt?«

»Was geht nur in diesem Köpfchen vor?«, murmelte er und lächelte zärtlich. »Ich habe dich gefragt, ob du die Jamesons schon begrüßt hast. Sie schaut dauernd zu dir und ich habe mit ihm noch etwas Geschäftliches zu besprechen.« Er setzte sich in Bewegung, aber Hope hielt ihn am Ärmel fest, bevor er entwischen konnte.

»Geh doch schon vor«, sagte sie. »Ich würde gerne erst nach Mrs. Carruthers schauen. Sie sieht auf einmal so aus, als ob sie sich unwohl fühlt.«

»Ich hatte den Eindruck, du magst sie nicht besonders.« Seine fein gezeichneten blonden Brauen schossen in die Höhe.

»Das bedeutet nicht, dass ich mich nicht um sie kümmere«, erwiderte Hope fest. »Sieh sie doch an.« Sie nickte unauffällig zur vierfachen Witwe herüber. »Sie schaut irgendwie seltsam aus, völlig erstarrt und gleichzeitig so angespannt.« Ihre Besorgnis wuchs, je länger sie hinübersah. Wer ist eigentlich der Mann an ihrer Seite, fragte sie sich. »Vielleicht sollten wir zu ihr rübergehen«, schlug Hope vor, die begann, sich ernsthaft Sorgen um Mrs. Carruthers zu machen. Irgendetwas stimmte nicht, auch wenn sie nicht wusste, was es war.

Und dann wusste Hope, was sie beunruhigte.

Es war der Mann an der Seite der älteren Frau, dessen Anblick in Hope eine eigenartige Nervosität weckte. Mit jeder Sekunde, die verging, wurde das Gefühl stärker. Woran lag es? Der Mann tat nichts, was auf irgendeine Weise als Bedrohung gedeutet werden konnte. Bis auf die unnatürliche Regungslosigkeit war nichts Beängstigendes an ihm.

Julien schüttelte bedauernd den Kopf. »Geh nur«, sagte er und lenkte Hopes Aufmerksamkeit zurück zu ihm. »Ich bin ja in Rufweite.« Er zwinkerte ihr zu und bewegte sich zielstrebig auf Mr. und Mrs. Jameson zu.

Sie öffnete den Mund, um Julien zu bitten, mit ihr zu gehen, überlegte es sich aber wieder anders. Sie war eine erwachsene Frau. Hier auf der Terrasse im Penthouse ihrer Eltern würde ihr nichts geschehen. Wovor fürchtete sie sich also?

Entschlossen wich Hope einem älteren, ziemlich beschwipsten Freund ihres Vaters aus und näherte sich Mrs. Carruthers und ihrem Begleiter. Je weiter sie darüber nachdachte, desto mehr fiel ihr auf, dass die beiden eigentlich nicht zueinander passten. Es war nicht der Altersunterschied oder die Tatsache, dass die vierfache Witwe sich einen Gespielen gönnte, die in Hopes Kopf für Verwirrung sorgte. In gewisser Weise musste sie Mrs. Carruthers sogar dafür bewundern, dass sie sich nahm, was ihr gefiel, ohne sich um die Meinung anderer zu kümmern. Tief in ihrem Inneren wusste Hope, dass sie selbst nie genug Courage in sich finden würde, um sich auf diese Weise über gesellschaftliche Regeln hinwegzusetzen, gleichgültig wie gut etwas für ihren Körper oder ihre Seele war.

Sie hielt auf halbem Wege inne. Genau das war es, was sie störte. Dieser Mann, dessen Gestalt sich langsam aus der Dämmerung herausschälte, tat Mrs. Carruthers ganz sicher nicht gut. Egal, wie attraktiv er war, von ihm ging eine Aura des Bedrohlichen aus, die etwas in Hope zum Vibrieren brachte. Ihr Instinkt rief ihr zu, dass sie weglaufen sollte, die Flucht ergreifen, irgendwohin, wo es hell war und sich viele Menschen aufhielten, wo ihr diese Bestie in Menschengestalt nichts antun konnte. Ihr Herz raste. Hope fühlte, wie ein kalter Tropfen Schweiß ihr Rückgrat herunterrann. Unter der Fassade der zivilisierten jungen Frau erwachte eine Urangst, die sich primitiv und barbarisch anfühlte und die ihren ganzen Körper erfasste. Hinter ihm, in weiter Ferne und von dunklen Wolken zum Teil verdeckt, zeichnete sich der Mond vor der dunklen Nacht ab. Für einen Augenblick sah sie ihn nur als Silhouette vor dem Himmelskörper, der in wenigen Tagen voll und rund sein würde. Sie konnte nichts anderes tun, als den Mann im Auge zu behalten, der nichts weiter tat als Mrs. Carruthers Gesellschaft zu leisten. Ihre Augen erfassten die Distanz zwischen den beiden, die Art, wie er sich zu ihr neigte, ohne sie zu berühren.

Hope war einmal mit ihrer älteren Schwester im Zoo gewesen. Grace hatte darauf bestanden, dass sie die Fütterung der Raubtiere anschauten. Und obwohl zwischen Mrs. Carruthers und dem blutigen, toten Fleisch für die Raubkatzen ein himmelweiter Unterschied bestand, konnte Hope nicht anders als daran zu denken, wie graziös und unbarmherzig zugleich die eleganten Großkatzen über ihre Beute hergefallen waren.

Mit einem Ruck riss sich Hope von ihren Erinnerungen los. Niemand außer ihr schien zu bemerken, dass vermutlich etwas nicht stimmte. Es war an ihr, nach dem Rechten zu schauen und dafür zu sorgen, dass Mrs. Carruthers nicht bedroht wurde – sei es auch wortlos. Immerhin bot Hope die Anwesenheit der Partygäste eine gewisse Sicherheit. Für den Bruchteil einer Sekunde fragte sie sich, ob irgendjemand überhaupt bemerken würde, wenn der Mann ausfällig oder gewalttätig wurde. Aber das war absurd. Nur weil sie sich auf der Party ihrer Eltern wie eine Fremde fühlte, hieß das nicht, dass man ihren Hilferuf ignorieren würde.

Himmel noch mal, ermahnte sich Hope und zwang sich, die Distanz zwischen sich und dem Paar in selbstbewussten Schritten zu überwinden, dir kann nichts passieren. Du bist mitten in einer Großstadt, im Penthouse deiner Eltern, umgeben von Menschen, die beim ersten Schrei aus deiner Kehle zusammenströmen werden, wenn auch nur aus Neugier.

Ein paar Schritte bevor sie die beiden erreichte, blieb sie stehen. Die Luft war gesättigt von etwas Fremdem, Gefährlichem. Plötzlich fühlte sie sich wie ein Tier im Dschungel, das von den unsichtbaren Augen eines Jägers beobachtet wurde. Hope legte den Kopf schief und sah hinüber zu dem Mann, der gerade noch neben Mrs. Carruthers gestanden hatte. Sie kniff die Augen zusammen. Für einen Augenblick hatte sie geglaubt, er sei verschwunden, aber da stand er, immer noch reglos und starrte sie an. Die feinen Härchen in ihrem Nacken richteten sich auf, als sie ein Geräusch hörte, das wie das Knurren eines Raubtiers klang. Es erklang in ihrem Kopf wie eine Warnung und fand seinen Weg in ihren Brustkorb, wo es sich festsetzte und wellenförmig ausbreitete. Sie wurde sich ihrer Brustwarzen bewusst, die gegen die raue Spitze ihrer Unterwäsche rieben und sich aufrichteten. Ein Ziehen in ihrem Unterleib, das sie zuerst für Angst hielt, machte alles nur noch verwirrender.

Entschlossen drehte sie sich kurz um und hielt nach Julien Ausschau. Er legte gerade den Arm um die Schultern des wesentlich kleineren Mr. Jameson und war im Begriff, ihn fortzuführen von seiner Frau, die irgendwie verloren wirkte mit ihrem Glas Champagner in der Hand und dem leeren Blick. Noch eine verlorene Seele, um die sie sich später würde kümmern müssen, schoss es Hope durch den Kopf.

Dann straffte sie die Schultern und ging auf Mrs. Carruthers und ihren Begleiter zu.

 

 

Ende der Leseprobe