Fake Girlfriend

Fake Girlfriend

von Holly Selander

Liebesgeschichte, Länge: ca 116 Seiten

Wer wäre besser geeignet als Lieutenant Craig O’Hara, um Helen auf andere Gedanken zu bringen?

 

So geknickt die attraktive Blondine nach ihrem letzten Männerdesaster auch ist, so wenig kann sie Craigs Anziehungskraft widerstehen. Unerwartet lädt sie der selbstbewusste, charmante Garde-Offizier für einen Monat in sein Elternhaus nach Sanibel Island ein – als Fake Girlfriend. Getrennte Betten, sagt er.

 

Auf der romantischen Insel gerät Helen in einen Sturm widersprüchlicher Gefühle. Sie ist plötzlich Scheinfreundin eines Mannes, der all das darstellt, wonach sie ihr Leben lang gesucht hatte. Wie er lächelt. Wie sich seine Augen tief in ihren versenken. Ganz zu schweigen von dem aufregenden, nächtlichen Zusammentreffen in der Küche...

 

Hat sie sich nicht geschworen, sich nicht so schnell wieder zu verlieben? Zumal den Craig eine Aura umgibt, aus der Helen einfach nicht schlau wird. Spielt er nur ein Spiel? Aber wie kann sie jetzt noch aufhören, ihm komplett zu verfallen?

"Für einen netten Abend sehr zu empfehlen."

 

"Schöne Liebes-Kurzgeschichte."

 

"Tolle Lovestory für einen netten Abend."

 

Amazon Bewerter

Leseprobe:

 

“Handgepäck?”

 

Als der junge Steward auf Helens Koffer starrte, wusste sie genau, was er dachte: Wenn das ein Handgepäck ist, dann ist mein mickriges Zimmer ein Penthouse. Doch laut sagte er nur: “Tut mir leid, Ma’am. Geben Sie es bitte als normales Gepäckstück auf.”

 

Helen wusste selbst, dass das in die Jahre gekommene Lederteil um ein Mehrfaches zu groß war. Aber entgegen aller Vernunft hatte sie gehofft, dass sie hier am Flughafen von New Haven eine milde Seele finden würde, die ein Auge zudrückte. Milde Seele, dachte sie nun. Lächerlich. Ebenso lächerlich wie die Annahme, Bill würde in letzter Minute zum Flughafen gerast kommen und sie auf Knien um Vergebung bitten.

 

Seufzend machte sie kehrt und schleifte den Koffer zum Schalter zurück. Wenn sie jetzt noch die Maschine verpasste, würde sie tun, wonach ihr schon seit Stunden zumute war: Durchdrehen und irgendwelche wildfremden Leute zusammenschreien. Doch sie schaffte es. Kurz vor dem offiziellen Start kam sie, die Taschen ihres Kostüms vollgestopft mit dem Nötigsten, in dem kleinen Flugzeug an, welches sie nach Hause bringen würde.

 

Als sie sich aber ihrem Platz näherte, sah sie mit Entsetzen, dass sie in der Mitte sitzen würde. Und ganz sicher ließe sich am Fenster eine Nervensäge nieder. Entweder eine Frau, die alle drei Sekunden aufs Klo oder an ihre Handtasche in der Gepäckablage wollte. Wahlweise ein Typ, der Helen vollquatschen oder anmachen würde – und in der rappelvollen Maschine war keine Ausweichmöglichkeit in Sicht.

 

Helen setzte sich und wartete.

 

Schließlich kam ein Mann in Uniform genau auf sie zu. Der suchende Blick fokussierte sich auf ihre Reihe, seine Augen hefteten sich auf die Platznummer. “Entschuldigen Sie, Ma’am”, sagte er.

 

Helen kannte die Uniformen der Nationalgarde. Nur die Ränge konnte sie nicht auseinanderhalten. War das ein Major, oder ein Lieutenant Colonel? Bill hatte es ihr mehrfach erklärt, wenn sie in der Stadt flanierten und Helen die schmucken Uniformen der Gardemänner bewundert hatte, die von der nahen Airbase zum Vergnügen herüberkamen. Doch sie hatte es sich einfach nicht merken können. Und eigentlich war es ihr auch egal.

 

Während sie sich erhob, trat er respektvoll einen Schritt zurück. Dennoch stieg ihr ein feiner Duft nach Moschus in die Nase. Helen konnte nicht anders, sie musste kurz an ihm herabsehen. Die Uniform saß perfekt. Seine breiten Schultern über dem durchtrainierten Körper, die langen, kräftigen Beine, alles zeugte von jahrelangem, strengem Armydrill.

 

Gelassen wartete er, die grauen Augen vollkommen ausdruckslos. Sein Gesicht war schmal, und ein strenger Zug um den Mund zeugte davon, dass er gewohnt war, den Ton anzugeben. Doch um seine Augen spielten Lachfältchen, bevor er auf seinen Platz rutschen wollte. Hatte er ihren Blick bemerkt?

Aus einer Eingebung heraus fragte Helen: “Würde es Ihnen was ausmachen, wenn wir tauschen? Ich sitze lieber am Fenster.”

 

Sie hatte mit allem gerechnet. Damit, dass er diskutieren würde. Damit, dass er umstandslos ja sagen würde. Oder auch mit einer Verweigerung, mehr oder weniger höflich, je nach Temperament. Selbst damit, dass sein Blick etwas länger auf ihr ruhte, als unbedingt nötig.

 

Nur nicht damit, was er wirklich sagte:

 

“Helen?”

 

***

Craig O’Hara hatte vorgehabt, den Flug zu verschlafen. Sein Urlaub war dringend nötig, zudem steckte ihm die Nachtübung noch in den Knochen. Als er nun aber Helen sah, die er erst nach einigem Grübeln wiedererkannte, überlegte er es sich anders.

 

Irgendwie war aus dem schüchternen kleinen Highschool-Mädchen eine attraktive Frau geworden. Sie hatte eine hübsche Figur, wenn auch nicht von der sportlichen Sorte. Ungefähr so groß wie er selbst. Ein geschmackvolles, graues Kostüm betonte vorteilhaft ihren Körper, dazu trug sie grasgrüne Pumps. Grün? O’Hara musste sich ein Lächeln verkneifen. Rechnete sie damit, dass das im Flugzeug niemand sah?

 

Ihr blondes Haar hingegen saß perfekt. Selbst wenn der glänzende, ausgefranste Bob wohl nicht mehr brauchte als einen Kamm und ein paar Spuren Gel. Auch ihre vollen Lippen waren sorgfältig geschminkt. Alles wirkte, als habe sie sich mit ihrem Kopf noch Mühe gegeben, den Rest dann aber vernachlässigt. Als habe sie eilig fort gemusst – oder gewollt.

 

Rasch rechnete er. Sie konnte nur ein, zwei Jahre jünger sein als er, etwa achtunddreißig. Er musste sich zwingen, sie nicht anzustarren.

 

Ihr Blick kam wie aus der Tiefe des Atlantiks. Irgendwas zwischen grün und blau, mit einer sehr großen Frage darin.

 

“Craig O’Hara”, stellte er sich vor. Den Rang ließ er weg, obwohl es ihm schwerfiel. Aber irgendetwas sagte ihm, dass sie es als Protzerei empfinden würde – und dass ihnen noch genug Zeit bliebe, sich über Kleinigkeiten wie ihre jeweiligen Karrieren auszutauschen.

 

“Craig?”, nachdenklich runzelte sie die Stirn. “Tut mir leid ...”

 

“Sanibel Island”, half er nach. Und als sie ihn immer noch verständnislos anstarrte, ergänzte er: “Debarry High. Ich war ein Jahrgang weiter.”

 

Jetzt schlug sie sich vor die Stirn. “Natürlich. Der große dunkle Junge mit – oh.”

 

“Womit?”, fragte er neugierig. Dann wies er auf die freien Plätze. “Setz dich doch. Sonst steht das Flugzeug morgen noch hier – und ich möchte gern heim.”

 

“Ich auch”, sagte sie, und irgendetwas an ihrem Satz ließ ihn aufhorchen. Es hatte traurig geklungen. Oder sehnsüchtig. So, als kehre sie zum ersten Mal seit Jahrzehnten nach Hause zurück.

 

“Der Junge womit?”, fragte er nach, als sie endlich angeschnallt waren.

 

“Hast du dir die Augen lasern lassen?”, fragte sie zurück.

 

Es dauerte eine Weile, bis er begriff. “Du verwechselst mich. Ich hatte nie eine Brille”, sagte er, wobei er hoffte, nicht allzu enttäuscht zu klingen. Zwar hatte auch er sie zu Highschool-Zeiten vollkommen ignoriert, doch lag das eher daran, dass er sich zu dieser Zeit generell nicht für Mädchen interessierte. Nur für Sport und Musik.

 

“Oh”, sagte sie noch einmal. Neugierig musterte sie ihn. Als sie damit fertig war, fragte sie:

 

“Major?”

 

“Lieutenant Colonel”, sagte er stolz. “Seit zwei Jahren. Auf Heimaturlaub, für einen ganzen, wundervollen Monat. Zumindest hoffe ich, dass es wundervoll wird. Ich werde endlich meine Familie wiedersehen.”

 

Ihr Blick flog zu seinem Ringfinger.

 

“Nein”, wehrte er ab, und ein schroffer Ton schlich sich in seine Stimme. “Meine Eltern meine ich. Und meinen Bruder Steven. Seine neue Frau Michelle. Besonders aber freue ich mich auf meinen Neffen Jordan und meine Nichte Isabel.”

 

Sie sagte nichts. Er betrachtete ebenfalls ihre Hand. Zarte, langgliedrige Finger. Ideal für eine Pianistin – oder eine Malerin. Ebenfalls kein Ring. Auch kein heller Streifen an der Stelle.

 

“Also – wie ist es dir ergangen?”, fragte er. Hastig setzte er hinzu: “Was machst du beruflich?”

 

“Chefsekretärin”, sagte sie. Ihre Stimme klang abweisend. “Auf Stellensuche. Oder in Auszeit, wenn dir das lieber ist.”

 

“Wieso mir?”, fragte er verwirrt.

 

“Entschuldige, Craig”, sagte Helen. “Ich bin noch nicht – ganz fertig mit der Situation.”

 

“Welche Situation?”, fragte er sanft.

 

Und dann erzählte sie. Craig lauschte erstaunt ihren Worten, während die Maschine abhob und sie beide hoch über die Wolken hob. Er verlor irgendwann das Zeitgefühl, und den Wunsch nach Schlaf verlor er auch. Dabei war ihre Story nichts Besonderes. Tausenden von Frauen passierte das, tagtäglich – und Tausenden von Männern ebenso. Als wäre es eine böse Tat, sich auf jemanden fest einzulassen, die unbedingt bestraft gehörte. Was in Craigs Augen ja auch irgendwie stimmte.

 

Als Helen endlich schwieg, hatten sie die Hälfte des Fluges hinter sich. Die Stewardess hatte ihren Imbiss verteilt und Getränke dazu, den Müll wieder eingesammelt und später Parfum und Uhren angepriesen. Vor ihnen schnarchte jemand.

 

Craig wusste nicht, was er sagen sollte. Denn wer war er schon, irgendetwas zu beurteilen, das er selbst nie erleben würde. So jedenfalls hatte er es sich vor Jahren geschworen, und bisher war er gut damit gefahren. Kurz überlegte er, ihr von Sabrina zu erzählen. Doch dann ließ er es.

 

Stattdessen ergriff er ihre Hand, ohne groß darüber nachzudenken. Und Helen ließ sie da. Wie gut sich das anfühlte! Warm und weich, und vollkommen selbstverständlich. Als er kurz den Kopf wandte, trafen sich ihre Blicke, versenkten sich für ein Weilchen ineinander, bevor sie sich wieder voneinander lösten. Und für einen Moment stellte sie sich vor, wie es wäre, mehr von ihm zu spüren. Dann ließen sie beide gleichzeitig los.

 

Später erzählte er von seiner Ausbildung und von der Basis bei Orange. Davon, wie es sich anfühlte, selbst eine Maschine zu fliegen und wie er das als höherer Offizier – bei aller Ehre der raschen Beförderung – am meisten vermisste. Dann erzählte er von dem bevorstehenden Fest zu seinem vierzigsten Geburtstag. Und, fast zwangsläufig, auch von seinen Eltern, welche die Party ausrichten würden.

 

“Sie sind lieb, alle beide. Sie wollen immer nur das Beste für mich. Nur kapieren sie einfach nicht, dass mein Bestes nicht unbedingt das ist, was sie wollen.”

 

“Kenn ich”, sagte sie lächelnd. “Und was willst du, Craig?”

 

“Meine Ruhe”, sagte er. “Mein Dienst ist anstrengend genug. Sie aber wollen, dass ich endlich eine feste Freundin finde. Sie vergleichen mich immer mit Stevy. Der hat früh geheiratet und zwei wundervolle Kids bekommen. Dass er sich ebenso früh hat scheiden lassen, das scheinen sie einfach zu verdrängen. Denn jetzt, mit Michelle, ist die Welt ja wieder in Ordnung.”

 

Craig verdrehte die Augen. “Ich hab nichts gegen Steven”, setzte er der Klarheit halber hinzu. “Im Gegenteil. Er war immer so anders als ich, dass wir uns einfach mochten, ohne Konkurrenzdenken. Naja, fast ohne. Das Übliche eben, ich als der Ältere und so weiter.”

 

“Und so weiter”, bemerkte sie mit hochgezogenen Augenbrauen. Dann lachte sie. “Ich hätte gern undsoweiter gehabt. Aber leider bin ich Einzelkind. Und so etwas kann man sich nun mal nicht aussuchen.”

 

Dann ging ihr Blick aus dem Fenster, hinaus zu den Wolken dicht unter der Tragfläche.

 

Craig beobachtete sie unauffällig. Ihr Profil war das einer hübschen Frau, mit hohen Wangenknochen, straffer Haut und geschwungenem Mund. Winzige Fältchen um die Augen, ganz zart noch und kaum erkennbar. Sollte er einen Versuch starten, sie näher kennenzulernen? Wie würde sie reagieren?

 

Schließlich könnte es so einfach sein: Ein Urlaub, ein unverfänglicher, heißer Monat, danach würden sie sich nie wieder sehen. Unkompliziert eben – ganz wie er es schätzte.

 

Und sie war genau der Typ, den seine Eltern mochten. Schön, selbstbewusst, mit guten Umgangsformen.

 

Im selben Moment hatte er eine Idee.

 

***

 

“Miss -” Jonathan, der Chauffeur, hielt den Wagenschlag weit auf. Der Mittfünfziger in dunkler Livree schaute vollkommen ausdruckslos, so, als wäre es völlig normal, dass Helen sich noch vor Craig in den Mercedes schlängelte. Rasch zog sie die grünen Pumps nach.

 

Wie peinlich ihr diese Schuhe mit einem Mal waren. Doch dann erinnerte sie sich an die Lässigkeit Floridas, die so ziemlich alles tolerierte, sofern es nicht gegen das Gesetz war. Und ein Gesetz gegen unpassendes Schuhwerk kannte Helen nicht.

 

Craig hatte sie vorgewarnt. Er hatte ihr den Namen des Chauffeurs genannt, ebenso wie die Tatsache, dass eine Luxuslimousine sie erwarten und von Fort Myers hinüber nach Sanibel Island bringen würde.

 

Spätestens nach diesen Worten war ihr alles klar gewesen. Zwar erinnerte sie sich tatsächlich nicht an ihn. Doch er musste aus einer der reichen Familien kommen, die sich vor langer Zeit auf der Insel niedergelassen hatten. Vielleicht hatte sie ihn in der Schule wirklich nicht bemerkt. Vielleicht hatte sie ihn aber auch bewusst ignoriert. Erst später, als Sekretärin für Bill Monroe, hatte sie gelernt, auch mit diesen Leuten so selbstverständlich umzugehen wie mit ihresgleichen.

 

Dabei war er alles andere als ein Angeber. Craig O’Hara schien im Gegenteil mit gesundem Selbstbewusstsein ausgestattet, dabei jedoch höflich und unaufdringlich. Genau die richtige Mischung.

 

Helen grinste innerlich und lehnte sich zurück, während Craig ihr gegenüber Platz nahm. Wenn er dachte, sie mit seiner Limousine zu beeindrucken, konnte er sich das abschminken.

 

Sie hatte ihm im Flugzeug mehr von sich erzählt, als sie eigentlich gewollt hatte. Doch irgendwie war es nötig gewesen, einmal alles rauszulassen. Ihre ganze, kurze Zeit mit Bill. Erst die Stelle in der Riesenfirma, dann das Verhältnis mit dem Konzernchef, das Versprechen der Verlobung. Die nie kam – bis er sich einer anderen Frau zuwandte. Zwei Stockwerke tiefer, bei den Häschen vom Wald-und-Wiesen-Referat, wie die Leute der Chefetage es verächtlich nannten. Wo sie, Helen, auch einmal angefangen hatte, bevor sie aufgrund ihrer Zeugnisse, ihres Gedächtnisses und ihrer Auffassungsgabe ins Chefsekretariat aufgerückt war. Wie sie aus gekränktem Stolz gekündigt hatte – und zwar nicht nur ihre Stelle, sondern ihre Wohnung gleich mit.

 

Raus hier, das war ihr letzter Gedanke, bevor sie alles, was sie tragen konnte, in den großen Koffer stopfte, in die nächstbesten Schuhe schlüpfte und die Tür hinter sich ins Schloss warf. Vom Flughafen aus hatte sie ihre Mutter in Big Springs angerufen. Komm nach Hause, hatte die bloß gesagt.

Helen hatte nie geheiratet, weil sie immer daran glaubte, es müsste noch etwas kommen. Etwas Großes, Wichtiges. So hatte eine Reihe von Affären ihr Leben bestimmt, bis der attraktive Bill Monroe ihr langes Warten zu rechtfertigen schien. Obwohl er sich weitaus jüngere Mädchen hätte schnappen können, hatte er sie gewählt – und ihr späteres, gemeinsames Leben in so überzeugenden Bildern gemalt, dass sie sich schließlich auf ihn eingelassen hatte. Gegen besseres Wissen.

 

Denn in der Firma kursierten eine Menge Gerüchte über den mächtigen Konzernchef. Er sei kein Kind von Traurigkeit. Zwar wählerisch, was Frauen anging, doch habe er jedes Jahr eine neue Chefsekretärin. Die nach Haarfarbe und Oberweite eingestellt würde. Mehr wusste man nicht, angeblich. Zumindest sagte man es Helen nicht ins Gesicht. Und sie war blöd genug gewesen, darauf zu vertrauen, dass ihre Oberweite den Ansprüchen des Bosses nicht genügte, sie also wirklich aufgrund ihrer überragenden Fähigkeiten eingestellt worden war.

 

Bill hatte sie auf die klassische Art verführt. Umworben, wie eine Frau es sich nur wünschen konnte, dann langsam ihr Vertrauen gewonnen, und schließlich ihre Liebe. Da war sie schon blind gewesen, wie sie nun wusste. Als er dann, nach exakt elf Monaten und achtundzwanzig Tagen, urplötzlich begann, abends immer länger in der Firma zu bleiben, hatte sie sich das Offensichtliche zunächst nicht eingestehen wollen. Bis zu dem Zeitpunkt, als er einmal stark angetrunken in ihr kleines Apartment kam, mit einem knallroten, unübersehbaren Knutschfleck auf dem Hemdkragen. Von da bis zum gestrigen Streit waren nicht einmal zwei Wochen vergangen.

 

“Was zu trinken? Es dauert ein bisschen bis Sanibel Island.”

 

Craigs tiefe Stimme holte sie in die Gegenwart zurück. Er drückte auf einen Knopf, und ein Fach an der Wand öffnete sich. Helen nahm sich eine Flasche Wasser heraus, Craig griff nach einem Tonic.

 

Neugierig sah er sie an, und sie hielt seinen Blick. Die schwarzen Haare bildeten einen exotischen Kontrast zu seinen hellen Augen. Craig O’Hara sah wirklich ausnehmend gut aus. Ganz anders, als der katzengleiche Bill, irgendwie – männlicher? Zupackender? Wie er im Flugzeug das einzig Richtige getan und einfach ihre Hand genommen hatte – allein bei der Erinnerung daran bekam Helen erneut eine Gänsehaut.

 

Auf einmal wurde sie sich bewusst, dass sie Craig schweigend anstarrte. Er dagegen grinste über das ganze Gesicht. Als habe er ihre Gedanken gelesen. Und die waren alles andere als jugendfrei.

 

“Rufst du deine Eltern nicht an?”, fragte sie rasch.

 

“Wozu?”, fragte er gelassen zurück. “Dann werden sie bloß fragen, warum ich nicht eher Bescheid gesagt habe. Es sollte eine Überraschung sein, dabei bleibt es. Basta.”

 

Helen spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Zwar fand sie die Idee grundsätzlich verlockend, als Fake Friend in den Genuss eines Monats kostenlosen Urlaubs zu kommen. Doch ob es so laufen würde, wie er sich das vorstellte, davon war sie nicht so recht überzeugt. Sie kannte ja seine Eltern nicht einmal.

Noch im Flugzeug hatte er ihr seinen Plan unterbreitet.

 

“Du machst Ferien, nimmst dir eine Auszeit. Ich bin vor lästigen Fragen sicher. Das ideale Arrangement – für uns beide. Findest du nicht?”

 

Als sie nicht geantwortet hatte, fügte er hinzu: “Getrennte Schlafzimmer, ist klar. Meine Eltern sind sehr konservativ.”

 

Dann hatten sie sich über ein paar grundlegende Details unterhalten, um ihre angebliche Geschichte für Craigs Eltern hieb- und stichfest zu machen.

Draußen flogen die Felder vorbei, gelbe und grüne Flächen abwechselnd. Sie erreichten den Causeway Drive, eine geschwungene Brücke, welche die Insel mit dem Landesinneren verband.

 

“Und wir haben ein großes Haus”, hatte Craig überflüssigerweise hinzugefügt. “Jede Menge Zimmer.”

 

“Das glaube ich dir aufs Wort”, hatte sie gesagt und sich schließlich dafür entschieden, mitzuspielen. Obwohl sie nichts lieber wollte, als sich bei Ma und Pa zu verstecken und ihre Wunden zu lecken. Aber vielleicht war genau das das Falsche? Was erwartete sie denn zu Hause anderes als eine große Leere, landschaftlich wie im übertragenen Sinne? Hier auf Sanibel dagegen würde sie abgelenkt sein, auf andere Gedanken kommen, und nicht zuletzt eine einmalig schöne Landschaft genießen.

 

Denn was sie aus dem Fenster sah, war wirklich paradiesisch: Der langgezogene blitzsaubere Strand, noch ganz menschenleer um diese Jahreszeit, das klare tiefblaue Wasser, das in sanften Wellen heranrollte. Obwohl alle Fenster im Wagen geschlossen waren, meinte sie, die salzige Meeresluft zu riechen. Je weiter die Limousine ins Innere der Insel vordrang, desto mehr beherrschte gepflegtes Grün das Bild: Helen sah lang gestreckte Rasenflächen, an den Rändern der schmalen Straßen wechselten sich schlanke Palmen ab mit Zedern und Zypressen.

 

Als sie schließlich das Anwesen der O’Haras erreichten, blieb ihr die Luft weg. Ein riesiges, schmiedeeisernes Tor öffnete sich und gab den Blick frei auf einen kleinen Park – dicht bestanden mit riesigen uralten Bäumen, sodass man das Haus dahinter kaum sah.

 

 

 

***

 

Ende der Leseprobe

 

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