Der Panther

Der Panther

(Halfshifter)

Paranormaler Liebesroman / Krimi (18+), Länge: ca. 244 Seiten

Er ist ein Mann mit einem gefährlichen Geheimnis. Sie ist eine Frau, die ihre Unabhängigkeit schätzt. Gemeinsam müssen sie sich einer Herausforderung stellen, die ihr Leben für immer verändern wird.

 

Sylas Parker gilt als härtester Ermittler des NYPD. Für den unbeugsamen Police Officer zählt nur eins, und das ist Gerechtigkeit.

 

Carrie Osborne ist Kellnerin und führt ein ganz normales Leben – bis zu dem Tag, als sie auf dem Nachhauseweg von einer dunklen Kreatur angegriffen und verletzt wird.

 

Als sie im Krankenhaus erwacht, sitzt der attraktive Officer neben ihrem Bett und verlangt Antworten, die ihm Carrie nicht geben kann. Die Erinnerung an die Nacht im Central Park ist verschwommen. Obwohl sie spürt, dass Parker mehr über den Fall zu wissen scheint als er sagt, fühlt sie sich mit jedem Tag mehr zu ihm hingezogen.

 

Während Carrie beunruhigende Veränderungen an sich bemerkt, kommen sich die beiden näher. Die Frage ist nur: Kann sie ihm vertrauen?

 

 

In Jenny Fosters paranormalem Liebesroman erwartet sie eine mitreißende Geschichte, in der sich alles um eine unerwartet leidenschaftliche Liebe dreht.

 

Spannungsreich, sinnlich und packend – das ist „Der Panther“.

 

 

Vormals erschienen unter:

Sylas - Vollmondnacht im Central Park (Halfshifter)

“Von Anfang bis Ende spannend.”

 

“Jenny Foster kann nicht nur Aliens sondern auch Shifter.”

 

„Großartig !!!“

 

“Klare Empfehlung für alle Fans des Genres...”

 

“Das Beste, was ich bisher von der Autorin gelesen habe!”

 

„Mich hat die Story sofort gefesselt.“

 

„Die Wendungen sind vollkommen unvorhersehbar, das Finale sehr überraschend.“

 

„Wer auf paranormale Geschichten abfährt, ist hier genau richtig.“

 

„Ich bin mal wieder überwältigt.“

 

„Sehr fließend und unsagbar spannend geschrieben.“

 

Amazon Bewerter

Leseprobe:

 

Der Geschäftsmann, der gierig in meinen Ausschnitt starrte, war meine geringste Sorge. Ich hatte im Laufe der Jahre gelernt, derlei Glotzattacken, wie ich sie bei mir nannte, zu ignorieren. Viel dringender war mein Bedürfnis nach einer kurzen Ruhepause hinten im Hof, bei der ich wenigstens zwei Minuten nicht auf die penetranten Rufe nach der Kellnerin reagieren musste. Draußen standen zwar die Mülltonnen und verpesteten mit ihrem bestialischen Gestank die Nachtluft, und auch die Ratten waren nicht gerade zurückhaltend in ihren Annäherungsversuchen. Doch manchmal war alles besser, als noch einen ausgelassenen Junggesellenabschied zu ertragen.

 

Ich arbeitete als Kellnerin in der Blue Moon Bar, und zwar schon, seit ich von der Schule abgegangen war. Ich seufzte, als ich die Jahre überschlug. Es waren viel zu viele. Inzwischen hatte ich mich damit abgefunden, den Rest meines Lebens zu kellnern. Nur an Tagen wie diesem, wenn die Jungs beim Feiern über die Stränge schlugen und der Alkohol nicht nur ihre Zunge, sondern auch ihre Finger lockerte, bedauerte ich mich ein kleines bisschen. Ich hasse Betrunkene, die ihre Wurstfinger nicht bei sich behalten können. Und egal, wie sehr ich mich in meinen sackartigen Kleidern verstecke, wie gut ich meine Haare in einem langweiligen, absolut durchschnittlichen Mausbraun färbe, irgendwann kommt der Augenblick, in dem sie mir in den Hintern kneifen.

 

Mein Name ist Carrie Osborne. Ich bin alt genug, um das Alleinsein zu genießen, und jung genug, um manchmal doch meine Einsamkeit zu bedauern. Ich habe die Schule mit Auszeichnung verlassen, und alle dachten, ich würde Karriere machen. Warum ich dann doch in der Blue Moon Bar gelandet bin? Nun, sagen wir einfach, es war Schicksal. In diesem Fall war das Schicksal etwa zwei Köpfe größer als ich, hatte anbetungswürdige Bauchmuskeln und Augen, die in schönstem Himmelblau funkeln konnten. Das taten sie meistens, wenn der Besitzer jener blauen Augen etwas wollte. Sex. Geld. Noch mehr Sex. Und schließlich so viel Geld, dass er mich an einen seiner »Geschäftspartner« verleihen wollte, um einen Zahlungsaufschub zu bekommen. Ich weiß nicht, ob er ihn bekam, denn meine Erinnerungen an jene Nacht sind vage, und ich habe seitdem nie wieder etwas von Jake gehört.

 

Als Jake aus meinem Leben verschwunden war, merkte ich erst, wie viel Raum er in meinem Denken und Fühlen beansprucht hatte. Zuerst war es seltsam, ihn nicht zu vermissen. Natürlich fehlte er mir manchmal, aber dieses Gefühl war wie ein vager Phantomschmerz, den ich von Monat zu Monat besser ignorieren lernte. Natürlich war es manchmal ganz schön mies, ohne einen warmen Körper neben mir aufzuwachen und niemanden zu haben, dem ich von meinem Arbeitstag berichten konnte. Andererseits gab es niemanden mehr, der sich über Kekskrümel im Bett beschwerte oder darüber, dass ich zu lange das Licht anließ, um zu lesen. Doch es gab eine neue Liebe in meinem Leben, die mich für das Fehlen eines Mannes mehr als entschädigte. Ich liebte New York vom ersten Augenblick an. Selbst jetzt, nach mehr als sieben Jahren in der riesigen Stadt, entdeckte ich fast täglich faszinierende Dinge. Ich hatte meinen Lieblingsplatz im Central Park, an den ich mich zurückziehen konnte, und ich hatte die New York Public Library. Ich unterließ es nie, einem der beiden Löwen zuzuzwinkern, die das Gebäude bewachten, und wann immer ich Zeit hatte, sah ich mir die wechselnden Ausstellungen in der Bibliothek an. Ein Bürgermeister der Stadt hatte die beiden majestätischen Gestalten »Geduld« und »Tapferkeit« genannt – zwei Eigenschaften, die ich gerne gehabt hätte. Vielleicht mochte ich die Löwen deshalb so gerne.

 

Was den warmen Körper an meiner Seite anging, fand sich auch dafür eine Lösung. Die Mülltonnen im Hof der Bar lockten nämlich nicht nur Ratten an, sondern auch streunende Katzen. Eines Tages fand ich einen verletzten Haudegen, der sich nur noch humpelnd fortbewegen konnte. Sein rot gestreiftes Fell war verfilzt, er hatte nur noch ein Auge und einen Rest von Schwanz, der kaum der Rede wert war. Doch als wir uns ansahen, der Kater und ich, war es Liebe auf den ersten Blick. Seitdem geruht er, bei mir zu wohnen, wenn ihn der Hunger plagt oder wenn er meint, genügend Katzendamen in der Umgebung beglückt zu haben. Die Momente, in denen ich morgens aufwache und ihn in meine Kniekehlen gekuschelt spüre, sind für mich die besten Augenblicke des gesamten Tages. Außerdem hat er mich bereits vor einer Dummheit bewahrt, als er einem männlichen Besucher auf unmissverständliche Weise klar machte, dass er in seinem Revier nicht willkommen war. Als ich zwei Tage später erfuhr, dass dieser charmante und gut aussehende Barbesucher wegen Raubüberfalls und Körperverletzung gesucht wurde, war ich meinem Teilzeit-Wohnungsgenossen mehr als dankbar für seine Umsicht, dem Mann die Krallen in den Nacken zu bohren und eines seiner Ohren zu attackieren. Seitdem lebten Eddie (benannt nach meinem Lieblingsdichter Edgar A. Poe) und ich in trauter Zweisamkeit.

 

Mein Boss in der Bar wollte mich zuerst nicht einstellen. Als ich die Blue Moon Bar das erste Mal betrat, war mein erster Impuls umzukehren und das Weite zu suchen. Heute bin ich dankbar, dass Caradoc Owen ein zwei Meter großer, tätowierter Klotz von einem Mann ist, der in der Blue Moon Bar bei Bedarf für Ordnung sorgen kann. Nachdem ich hineingeschlichen war und ihn mit piepsiger Stimme um den Job gebeten hatte, den das Schild im staubigen Fenster offerierte, musterte er mich lange von oben bis unten. Sein Blick blieb an meinen Händen hängen, die damals noch manikürt waren und deren Fingernägel mit pinkfarbenen Glitzersteinchen prunkten, bevor er verächtlich schnaubte und mir den Weg zu Tür wies. »Du würdest keine halbe Schicht in meiner Bar durchhalten, Schätzchen«, ließ er sich vernehmen.

 

Ich war jung und brauchte das Geld, also kam Aufgeben für mich nicht in Frage. Ich bekniete und bedrängte ihn so lange, bis er mir eine Probeschicht zugestand. Die Bezahlung war okay, für New Yorker Verhältnisse sogar großzügig, auch wenn an den Job einige seltsame Bedingungen geknüpft waren. Caradoc, der natürlich von allen nur »Doc« genannt wurde, bestand darauf, dass ich mein leuchtend rotes Haar färbte und keinen Silberschmuck trug. Da ich ohnehin nie der Typ war, der Schmuck mochte, war das kein Problem. Und was meine Haare anging, nun ja. Ich hasste die rote Farbe seit Kindertagen und war froh darüber, nicht mehr »Feuerkopf« gerufen zu werden. Außerdem blieb ich auf diese Weise von Männern verschont, die sich an der legendären Sexbesessenheit einer Rothaarigen erproben wollten, was mir mehr als recht war. Im Laufe der Jahre fand ich es immer angenehmer, unauffällig im Hintergrund zu bleiben. Ich machte meine Arbeit und lernte schnell, die schwierigen Kunden bereits von Weitem zu erkennen. Als eine von zwei Kellnerinnen hatte ich an den meisten Abenden keine Möglichkeit, mich vor den stressigsten Gästen zu drücken. Also passte ich meine Kleidung der Umgebung an, verbarg meine Figur und lernte, nicht aufzufallen. Menschen, die sich nicht mehr an mich erinnerten, wenn ich ihnen ein frisches Bier gebracht hatte, machten mir aus diesem Grund auch keinen Ärger. Es ist schwer, mit jemandem Streit anzufangen, den man nicht wahrnimmt.

Meistens funktionierte diese Taktik. Doch an dem Abend, als ich starb, halfen mir weder meine sackartige Kleidung noch die Tatsache, dass ich mich daran gewöhnt hatte, unsichtbar zu sein.

 

***

 

Es war mein freier Abend. Jessie, die andere Kellnerin, war für mich eingesprungen, nachdem ich ihr im vergangenen Monat bereits drei Mal aus der Patsche geholfen hatte. Ein krankes Kind, eine Magen-Darm-Grippe und eine Halsentzündung hatten Jessie von der Arbeit ferngehalten. Ich argwöhnte, dass sie lieber mit ihrem neuen Typen zusammen sein wollte, aber da ich nichts Besseres vorhatte, war ich für sie eingesprungen. Als Wiedergutmachung hatte ich ihr den lästigen Samstagabend aufs Auge gedrückt und ihr angeboten, ihre »Schulden« bei mir auf einen Schlag loszuwerden. Der Samstag in der Blue Moon Bar gehörte traditionell den Hellhounds, einer ziemlich anstrengenden Motorradgang. Regelmäßig hielten sie ihre Versammlungen bei uns ab. Zumindest nannten sie es so. Für Uneingeweihte wie mich sah es eher so aus, als schmiedeten sie Übernahmepläne oder ließen sich schlicht und einfach volllaufen. Sie waren auf ihre Weise ebenso anstrengend wie die Junggesellenabschiede, auch wenn Caradoc ihnen unmissverständlich klar gemacht hatte, dass sie ihre Finger von mir lassen sollten. Meistens hielten sie sich daran. Ich muss zugeben, dass ich den Anführer der Hellhounds ziemlich attraktiv fand, auf eine gruselige Art. Er war ein hochgewachsener, schlanker Typ, der nie viele Worte machte und als einziger nüchtern blieb, wenn seine Leute über die Stränge schlugen. Ein Blick oder ein leiser Befehl reichten aus, um jeden der muskelbepackten Typen zur Ordnung zu rufen. Es war mir ein Rätsel, wie er das schaffte, aber in den ganzen Jahren habe ich nie erlebt, dass er jemanden körperlich angriff oder auch nur die Stimme hob. Meistens saß er auf seinem Stammplatz in der Ecke und beobachtete scheinbar teilnahmslos das Treiben um ihn herum, während seine ledertragenden »Hunde« ihrem Namen alle Ehre machten und kläfften, was das Zeug hielt.

 

Diesem Tumult würde ich heute Abend entgehen. Ich hatte einen neuen Krimi aus der Bibliothek ausgeliehen, den ich mir seit vier Tagen für einen Abend wie diesen aufsparte. Meine Lieblingsecke im Central lag recht abgeschieden in einer kleinen Lichtung, in die sich, trotz all der Menschenmassen, fast nie jemand verirrte. Ich hatte mir vor drei Wochen eine Picknickdecke gekauft, das Septemberwetter zeigte sich von seiner schönsten Seite, und ich hatte jede Menge Zeit. Als ich mich auf die Decke legte und hinauf in die Baumkronen starrte, die das Licht filterten, war ich einfach nur glücklich. Ich las die ersten fünfzig Seiten ohne Atemholen und widerstand der Versuchung, am Ende nachzuschauen, ob ich mit meiner Vermutung, wer der Täter war, recht hatte. Durch meinen unersättlichen Bücherkonsum war ich nur noch schwer zu überraschen, egal ob es Krimiserien im Fernsehen waren oder das geschriebene Wort. Aber meine Lieblingsautorin Becca Whitley machte ihrem Ruf als Meisterin der unerhörten Spannung alle Ehre, und selbst auf Seite 100 war ich keinen Deut schlauer.

 

Vielleicht lag es an meiner Erschöpfung oder an dem Zusammenspiel aus Wärme und einem gut gefüllten Magen, aber irgendwann musste ich eingeschlafen sein. Ich erwachte, weil mir in meinem dünnen T-Shirt und dem flatterigen Rock ziemlich kühl wurde. Ich setzte mich auf, reckte meinen eingeschlafenen linken Arm und bemerkte bestürzt, dass der Vollmond bereits am Himmel erstrahlte. Verwirrt rieb ich mir die Augen. Ich musste mindestens fünf, eher sechs Stunden geschlafen haben. Mein Mund war trocken und meine Zunge fühlte sich sandig an. Ich musste einen schönen Anblick geboten haben, mit offenem Mund und dem Buch auf der Brust – gut, dass niemand mich dabei beobachtet hatte.

 

Als ich aufstand und meine Sachen zusammensammelte, warf ich einen Blick auf mein Handy. Es war bereits kurz vor Mitternacht. Auch wenn der Park in den letzten Jahren dank der zunehmenden Polizeipräsenz sicherer geworden war, hatte ich immer darauf geachtet, bei Sonnenuntergang den Heimweg anzutreten. Ich hatte weniger Angst davor, ermordet zu werden, als vor einem Raubüberfall oder einer Vergewaltigung. Zwar waren auch hier die Zahlen zurückgegangen, aber wie bereits Churchill sagte: Traue niemals einer Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Insgeheim hegte ich die Vermutung, dass die Zeitungen die rückläufigen Zahlen allein deshalb propagierten, damit die Touristen nicht ausblieben.

 

Laternen waren in der grünen Lunge New Yorks ein seltenes Gut. Viele Wege lagen im Dunkeln, und ich schwankte kurz, ob ich den kürzesten oder den am besten beleuchteten Weg nehmen sollte. Schließlich entschied ich mich für die kurze Variante. Ich war den Pfad so oft gelaufen, dass ich jeden Grashalm beim Namen nennen konnte. Außerdem fror ich wirklich, und ich sehnte mich nach einer heißen Dusche oder einem ausgiebigen Bad, meinen üblichen Luxus an freien Tagen. Immerhin gab es noch den Mond, der voll und rund am Himmel stand und mir ausreichend Licht spendete, um einem schwulen Pärchen auszuweichen, das gerade über Details verhandelte, die ich gar nicht wissen wollte.

 

Ich hastete weiter. Jetzt gleich müsste ich eigentlich an einem der kleinen Wasserfälle vorbeikommen, die dem Parkbesucher trotz der sorgfältig geplanten Anlage ein Stückchen unberührter Natur vorgaukelten. Ich blieb stehen und lauschte. Außer meinem eigenen, viel zu lauten Atem hörte ich nichts. Ich drehte mich einmal um und spähte in Richtung des Punktes, in dem ich meinen geheimen Ruheplatz vermutete. War ich irgendwo falsch abgebogen? Ich spitzte noch einmal die Ohren, um vielleicht doch das vertraute Plätschern zu hören, aber vergebens. Mir blieb also nicht viel mehr übrig, als weiterzulaufen und darauf zu hoffen, doch einen vertrauten Punkt im blassen Mondenschein zu erkennen.

 

Wie gesagt, ich hatte eigentlich keine Angst, im Central Park ermordet zu werden. Natürlich war ein Raubüberfall schlimm genug, aber ich würde lieber den mageren Inhalt meiner Geldbörse opfern, als mein Leben. Zur Sicherheit hielt ich mein Handy griffbereit und bemühte mich, besonders selbstsicher zu wirken. Es stellte sich als unerwartet schwer heraus, mit schwungvollen Schritten und erhobenem Haupt zu laufen. Wenn man es ansonsten eher darauf anlegt, im Hintergrund zu bleiben, ist es nicht gerade leicht, auf einmal das komplette Gegenteil auszustrahlen. Die Unterwürfigkeit, die ich mir im Blue Moon jahrelang antrainiert hatte, ließ sich nicht so einfach abschütteln. Aber ich versuchte es, auch wenn mich jedes Rascheln, jeder Windhauch zusammenzucken ließ. Ich redete mir ein, dass es nichts war als Verfolgungswahn, als das Gefühl, nachts im übel beleumundeten Central Park herumzulaufen.

 

Natürlich fiel mir ausgerechnet in diesen Sekunden die Serie an Frauenmorden ein, die gerade in allen Blättern für Schlagzeilen sorgte, sogar bei den traditionell eher zurückhaltenden Blättern. Aus naheliegenden Gründen nannten ihn die Zeitungen den Vollmond-Killer, aber auch Werwolf-Killer stand hoch im Kurs. Die Polizei dementierte fleißig, dass es sich um einen Serienmörder handelte. Angeblich waren wilde Tiere für das Verstümmeln und Ausweiden der Frauen verantwortlich, die sich nachts in den New Yorker Straßen herumtrieben. Irgendwie war durchgesickert, dass die Bissspuren von verschiedenen Raubtieren stammten. Ein Panther, ein Wolf und sogar ein Löwe wurden dafür verantwortlich gemacht.

 

Das Ganze war absurd in meinen Augen. Erstens wären Raubtiere in New York sofort aufgefallen. Spätestens fünf Minuten nach der ersten Attacke hätte man den Wolf (oder welches Tier auch immer) auf einschlägigen Kanälen wie YouTube oder Facebook in Aktion gesehen. Zweitens wäre ein Tier vielleicht noch erklärbar gewesen, mit einer Flucht aus dem Zoo oder als freiheitsliebendes Zirkustier, aber gleich drei? Ich schnaubte einmal vernehmlich, um mir Mut zu machen, und hastete weiter.

 

Hinter dem Baum, der mir den Blick auf den Vollmond verwehrte, erkannte ich eine vertraute Silhouette. Ich erkannte das Plaza Hotel, das vom Südostausgang des Parks deutlich sichtbar war. Seufzend stieß ich den Atem aus. Ich wusste, wo ich war! Wie von selbst beschleunigten meine Füße das Tempo, bis ich fast schon in einen gemäßigten Trab verfiel. Keine zehn Minuten, und ich würde den Park sicher verlassen haben. Ich konnte die Abgase schon fast riechen, die auf der 59th Street meinen Geruchssinn belästigen würden. Normalerweise rümpfte ich die Nase darüber, aber heute würde ich mit Freuden die doppelte Menge stinkender Abgase einatmen, solange ich nur unter Menschen war.

 

Hinter mir knackte etwas. Obwohl ich mir sagte, dass es sicher nur eines der kleinen, harmlosen Tiere gewesen war, die nachts im Central Park die Mülleimer plünderten, drehte ich mich um. Mein Herzschlag hatte sich verdoppelt, und das Blut rauschte in meinen Ohren. Der Vollmond hatte sich hinter einer Wolke versteckt, und es war so finster, dass ich kaum etwas erkennen konnte. Je länger ich bewegungslos in die Finsternis starrte, desto lauter dröhnte mein Herzschlag. Sterne tanzten vor meinen Augen. Noch einmal ertönte das knackende Geräusch, und diesmal hatte es definitiv etwas Verstohlenes an sich, das mir einen Schauer der Angst den Rücken hinunterjagte. Etwa zehn Meter entfernt von mir blitze etwas goldgrün auf, nur um gleich wieder zu verschwinden.

 

Atemlos starrte ich auf den Fleck, wo ich das Funkeln gesehen hatte. Wenn dies die Augen eines Tieres waren, dann musste es verdammt groß sein, denn sie mussten sich ungefähr auf der Höhe meiner Brust befinden – und ich bin nicht gerade das, was man klein und zierlich nennt. Ich merkte, dass mir heiß wurde. Meine Füße zuckten, und in meinem Nacken prickelte etwas, als würde ich beobachtet. Doch wenn das Tier sich vor mir befand, wer oder was stand nun hinter mir?

 

Der Vollmond tauchte hinter der Wolkendecke auf, und diesen Moment nutzte das Wesen, dessen Augen ich hatte aufblitzen sehen, um aus dem Schatten des Gebüsches hervorzutreten. Mein erster Gedanke war, mich umzudrehen und wegzurennen, was das Zeug hielt. Vorsichtig und ganz langsam trat ich einen Schritt zurück, dann noch einen. Nun konnte ich erkennen, was es war. Ein riesiger Panther stand keine sechs Meter vor mir und ließ mich keine Sekunde aus den Augen. Er legte den Kopf schief und sog prüfend die Luft ein, als wolle er den Geruch meiner Angst tief in sich aufnehmen. Das Tier leckte sich mit der Zunge über die Zähne und schlich auf mich zu. Es fauchte leise und spannte seinen Körper an, als wolle es zum Sprung ansetzen. Und dann hörte ich hinter mir ein lauteres Fauchen, wie zur Antwort auf den Laut des Tieres vor mir.

 

In diesem Moment verließ mich jeder Rest von gesundem Menschenverstand, den ich jemals besessen hatte. Ich drehte mich um und rannte los, obwohl ein Teil meines Gehirns laut schrie, ich solle mich nicht wie ein Beutetier verhalten. Doch mein Verstand hatte keine Chance gegen mein Bauchgefühl, das mir laut kreischend zur Flucht riet, und ich rannte, so schnell ich konnte.

 

Hinter mir hörte ich nichts bis auf das gelegentliche Rascheln von Laub. Ein oder zwei Mal meinte ich, den heißen Atem des Panthers in meinem Nacken zu spüren, aber der erwartete Schmerz von Krallen, die sich in meinen Rücken bohrten, blieb aus. Ich rannte und rannte, und erst als ich mich am dicht bewachsenen Ufer des Ponds wiederfand, wusste ich, dass ich falsch abgebogen war. Ich stolperte weiter auf dem asphaltierten Weg, jede Sekunde darauf gefasst, niedergerissen zu werden. Doch nichts geschah. Es war, als hielte sich das Tier bewusst zurück und machte sich einen Spaß daraus, mich zu jagen. Im Laufen drehte ich halb den Kopf und blieb verblüfft stehen.

 

Nichts. Wo war das verdammte Tier? Es war wie vom Erdboden verschluckt. Trotz des hellen Mondlichts konnte ich ihn nirgendwo entdecken, diesen schwarzen Panther. Ein verrücktes Lachen kitzelte meine Kehle und wurde zu einem Schluchzen, als mir bewusst wurde, dass ich viel zu weit vom nächsten Ausgang entfernt war. Ich hatte nichts dabei, was man als Waffe verwenden konnte. Meine Tasche hatte ich während meiner Flucht verloren, nur mein Buch hielt ich an mich gepresst wie meinen kostbarsten Besitz. Was sollte ich tun, wenn das Tier auf mich zusprang? Es vielleicht mit dem Buch bewerfen und hoffen, dass es gern las?

 

Unendlich langsam und so leise wie möglich drehte ich mich einmal um meine eigene Achse. Langsam klärte sich mein panikverengter Blick. Wenn ich zum Ausgangstor wollte, musste ich wohl oder übel zurücklaufen. Ich versuchte, mein Keuchen auf ein Minimum zu reduzieren, und ging im Schneckentempo in die Richtung, in der ich den Ausgang zur 59th Street vermutete.

 

Ich hörte nichts als meinen eigenen, rasenden Herzschlag. Nicht einmal die Autos, deren Motorengeräusche normalerweise zu einem beständig brummenden Hintergrundgeräusch wurden, drangen an meine Ohren. Kein kleines Tier auf Nahrungssuche bewegte sich durch das Laub. Das ist die Ruhe vor dem Sturm, schoss es mir durch den Kopf. Und dann brach die Hölle los.

 

Etwas schoss mit weit geöffnetem Maul von links auf mich zu, so schnell, dass ich nicht einmal einen halben Schritt tun konnte. Ich roch Moschus, gepaart mit dem stumpfen Geruch nach altem Blut und verrottenden Lebensmitteln. Hätte der Aufprall mir nicht den Atem genommnen, ich hätte mich übergeben. Die Welt drehte sich, und diesmal tanzten richtige Sterne vor meinen Augen. Das Biest hockte über mir und betrachtete mich aus erstaunlich klugen, grausamen Augen. Der Moment, in dem es die Krallen in meinen Bauch versenkte, zog sich in die Länge. Ich spürte den Schmerz mit einiger Verspätung, aber als er dann einsetzte, wusste ich, dass ich sterben würde. Und ich wollte es, denn alles, was ich jemals über die Wucht des Schmerzes gehört hatte, verblasste neben der Pein, die ich spürte, zur Bedeutungslosigkeit. Ich hörte meinen eigenen Schrei seltsam distanziert. Bitte, bitte, lass es schnell gehen, betete ich, als der Panther sein Maul öffnete. Ich sah die Reißzähne, auf denen bald mein Blut im Mondlicht glitzern würde, und fragte mich, wie es dem Tier wohl schmeckte. Wie aus weiter Ferne hörte ich ein zweites Fauchen und machte mich darauf gefasst, dass sich in den nächsten Sekunden zwei Raubtiere um meinen sterbenden Körper balgen würden. Ich sah, wie ein zweiter schwarzer Schatten angeschossen kam, und bewunderte die tödliche Eleganz, mit der er das Tier von mir herunterriss.

 

Ein grünes Augenpaar tauchte in meinem Gesichtsfeld auf. In meinem Delirium aus Schmerz und Todesangst meinte ich zu sehen, wie sich das fellige Katzengesicht in das eines Mannes mit leuchtend grünen Augen verwandelte. Er sagte etwas, das ich nicht verstand, und sein Mund war halb die Schnauze einer Katze, halb ein menschlicher Mund. Mein Herz pochte nur noch langsam, und ich konnte mich nicht rühren.

 

Dann starb ich.

 

***

 

Ende der Leseprobe

 

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